Category: Category 1Tag: ,

Es ist immer da, dieses Pfeifen in meinem Kopf. 24 Stunden am Tag, seit nun schon fast 15 Jahren.

Cool ist das nicht, so viel ist sicher. Das weiß jeder, der das schrille Piepsen eines sehr alten Röhrenfernsehers mit Bildstörung kennt. Oder dieses (zugegeben weit positivere) Pfeifen noch Stunden nach dem letzten großartigen Live-Konzert.

So etwas immer auf dem Ohr zu haben verändert dich. Irgendwann liegen die Nerven oft blank, hat man Angst vor Stille. Und niemand außer dir selbst kann es hören. Die meisten können es sich nicht mal vorstellen. Ich sage dann immer: „Sei einfach froh darüber, dass du es nicht nachvollziehen kannst.“

Dabei kann es jeden erwischen, jederzeit.

Ob schleichend über Jahre oder von einer Sekunde auf die andere. Ob durch Stress, Ermüden oder den guten alten Kanonenschlag den dein Kumpel direkt neben deinem Kopf losgehen lässt.

Was man so „kennt“:

  • Charakteristisches „Pfeifen/Summen/Fiepen/Brummen“ nach einer lauten Nacht – verfliegt sofern man den Ohren entsprechend lange Ruhe gönnt
  • Plötzlich auftretendes, meist sehr lautes Geräusch (sog. „Hörsturz“) – möglichst sofort vom Arzt behandeln lassen, dann stehen die Chancen gut den nächsten Kandidaten nicht kennenlernen zu müssen
  • „Chronischer Tinnitus“– das Geräusch bleibt permanent, hier helfen therapeutische Maßnahmen es zumindest zu lindern, Vorbeugemaßnahmen helfen dabei die Ausmaße im Griff zu behalten

Bei mir war das auch eher klassisch: Tischler-Lehre zweites Ausbildungsjahr. Parkett-Verlegen in einer Dachgeschoss-Wohnung. Braucht man irgendwann ein sogenanntes „Verlängerungs-Eisen“ für. Und darauf schlägt man dann. Mit einem Hammer, direkt neben dem Kopf. Der gesunde Menschenverstand (und so auch ich) fragen dann: „Brauche ich hierfür nicht sowas wie Gehörschutz?“. Der nicht so gesunde Gesellen-Verstand, welcher möglichst schon kurz vor der Rente steht und sich mit seinen körperlichen Gebrechen längst arrangiert hat, sagt (brüllt) dann: „Ach Quatsch, das machen wir schon immer ohne. Is nie was passiert…“.

Den Rat hätte ich mal lieber in den Wind geschlagen, denn einen Hammerschlag später bin ich zwei Tage lang taub. Muss an den Tropf. Darf nicht mehr weiter Tischlern. Soll alles aufgeben was mit Musik zu tun hat (ich bin Drummer zu der Zeit…).

Da aber der Tinnitus, wenn er erst mal da ist, vor allem durch Stress verstärkt wird, gebe ich nicht mein ganzes Leben auf. Stattdessen arrangieren wir uns. Dulden uns unter der gemeinsamen Haube „Gehör“. Wie zwei Nachbarn die sich die ersten Wochen über die Lautstärke des anderen streiten. Bis irgendwann einfach keiner mehr Lust auf eine neue Beschwerde hat und generell leiser lebt als sonst.

So kann man leben, wenn auch nicht gerade vogelfrei.

Seit einiger Zeit beschwert er sich aber wieder. Möchte wohl nach 15 Jahren endlich nen Tapetenwechsel haben. Beim Akustik-Test messen wir die Lautstärke des Pfeifens: ca. 70 Dezibel. Laut welt.de ist das ein gemeiner Rasenmäher in meinem Kopf.

Und der lässt sich nicht ausschalten.

Wie befürchtet stehen mir nun, neben dem Umstellen meiner Lebensgewohnheiten, diverse therapeutische Maßnahmen ins Haus. Macht auch keinen Spaß, und billig ist das auch nicht. Aber besser als irgendwann durchzudrehen.

 

Warum ich das hier schreibe?

Weil es natürlich auch Learnings gibt, die ich mit euch teilen möchte! Weil ich es schön fände, wenn so wenig Menschen wie möglich mein Schicksal teilen müssen. Weil so viele die ich kenne und mit denen ich arbeite zur direkten Zielgruppe dieser Krankheit gehören: DJs und Club/Konzert-Gänger.

Weshalb sind DJs und Clubber gleichermaßen gefährdet?

  • Stundenlanger Aufenthalt in Räumen mit teils extrem hohem Geräuschpegel
  • Kaum Gelegenheiten für das Gehör „Pause zu machen“
  • Oft schlechte Qualität der Anlage im Club – Gefahr schädlicher Frequenzen
  • Alkohol/Drogen (man merkt immer später/gar nicht mehr dass das Gehör „ermüdet“)
  • DJs neigen bei fortschreitender Ermüdung des Gehörs, die Lautstärke noch zu erhöhen und gefährden dadurch gleichzeitig sich selbst als auch die Partygäste
  • Man möchte die Musik möglichst laut „fühlen“ für ein besseres Erlebnis
  • Oft insgesamt ungesunder Lebensstil (Ernährung, Schlafmangel, Alkohol/Drogen, „unterwegs sein“, exzessives Ausleben der Freizeit)

Sofern ihr nicht schon daran leidet ist es nicht schwer es zu vermeiden.

Was kann ich tun?

Als Party-Gänger:

  • öfter mal weg von der Lautstärke der Tanzfläche, möglichst draußen/Nebenraum (wo es ruhig ist)

Als Club-Gänger hat man meist ungeahnte Möglichkeiten, nämlich das Gehör ausruhen zu lassen. Nach ner Stunde Abgehen auf dem Dancefloor einfach mal ne Weile nach draußen zu den Rauchern stellen. Gibt Frischluft, ist sozial sehr ergiebig, und eure Ohren können entspannen. Die ermüden nämlich, und zwar ganz fix. Fixer als ihr in den meisten Fällen.

Noch schneller wenn ihr trinkt oder Drogen drin habt.

Ermüdung kann man kurieren, genauso wie dringend benötigten Schlaf. Regelmäßige Ruhe zwischen den Anstrengungen lässt die Härchen im Ohr sich wieder aufrichten und alles ist in Ordnung.

Was aber tun im Winter oder wenn man nicht einfach mal eben raus kann?

Auch wenn man es nicht gern hört, aber da hilft Gehörschutz. Und zwar nicht irgendwelche Wachskugeln, Schaumstoff-Plugs oder Taschentuch-Fetzen. „Ohrstöpsel“ die vor allem die Lautstärke verringern und maximal noch besonders schädliche Frequenzen filtern gibt´s überall im Netz für ca. 20,-. Kleines, gut investiertes Geld wenn man den Gegenwert der Psyche und Lebensqualität bedenkt der dagegen steht. Muss man sich zwar erst dran gewöhnen, aber die Passformen sind mittlerweile wirklich gut entwickelt.

Einzig das „Feeling“ der lauten Musik ist natürlich ein berechtigter Kritikpunkt. Die gute Nachricht hier: Der Körper hört mit! Dieses geile Vibrieren im Magen und das flattern der Hosenbeine bleibt selbst dann wenn ihr eure Ohren mit Bauschaum zu kleistern würdet. Und das, gepaart mit einer sehr viel erträglicheren Lautstärke im Ohr, gibt dann auch den Weg frei für ein paar Jahre mehr Clubbing ohne 24 Stunden am Tag von innen „angeschrien“ zu werden.

Als DJ:

  • Die Länge eurer Gigs so kurz wie möglich halten. Als Residents/All-Nighter schwieriger, hier vielleicht mit dem Club sprechen ob man einen Warmup-DJ einsetzen kann/sich die komplette Nacht mit jemandem teilt
  • Gute(!!!) Kopfhörer benutzen, die so wenig Außengeräusch wie irgend möglich an euer Ohr lassen und klaren Sound ohne schädliche Frequenzen erzeugen

dont-go-deaf-change-your-headphones

  • Monitor-/PA-Sound nur dann wenn es nicht anders geht (dann so leise wie möglich)
  • Mixen über Kopfhörer
  • Niemals(!!!) im roten Bereich spielen! Weder beim Master-Volume, noch auf den Kopfhörern!

Wir DJs haben´s da etwas schwerer.

Mal ehrlich, wer von uns hat schon die Möglichkeit nur eine Stunde zu spielen und alles auf- und abgebaut zu bekommen?

In real sieht´s doch eher so aus: Wir sind gern früher da um schon mal den „Vibe“ der Leute zu checken/die Band zu sehen deren Aftershow wir machen/hören was der Warmup-DJ spielt und wie die Leute darauf reagieren. Wir bleiben gern länger weil wir noch Bock haben den DJ nach uns zu hören. Wir spielen mehrere Stunden, entspanntes Auf- und Abbauen ist auch die Ausnahme, „Mal kurz ne Pause“ ist nahezu nie möglich (maximal in Rekordzeit pinkeln gehen bevor der Song zu Ende ist), und während der ganzen Zeit teils extrem viel und lauter Sound von allen Seiten. Man hört die PA, man hört die Monitore, man hört den Mix im Kopfhörer… Und das alles am besten noch mehrere Nächte infolge ohne Chance auf komplette Regeneration.

Wenn die lieben Ohren da nicht mal so richtig fix müde werden.

Und noch etwas ehrlicher: Vergessen wir mal nicht die diversen Drinks etc….

Was also tun?

Die Monitore oder zumindest der PA-Sound sind essentiell um mit dem „Feeling“ der Crowd in Kontakt zu bleiben. Aber auch nur dafür. Und vor allem nicht stundenlang am Stück. Mittlerweile sind die Möglichkeiten über die Kopfhörer zu mixen so gut, dass man nicht mehr zwangsläufig immer ein „offenes Ohr“ für die PA/Monitore haben muss (is auch besser für die Nackenwirbel btw…).

Und da kommt auch schon das nächste Goodie um die Ecke: In-Ear-Gehörschutz + gut abgeschirmte Kopfhörer = Mixen auf Zimmerlautstärke! Die In-Ears schützen generell vor der Lautstärke, die Kopfhörer geben uns die Chance nur noch das zu hören was gerade wichtig ist. Ohne den ganzen Sound-Brei von außen.

Man kann natürlich argumentieren dass das echt nerdig aussieht und man das Gefühl bekommen könnte, der DJ bliebe lieber in seiner eigenen kleinen Seifenblase. Stimmt. So sieht das dann aus. Aber gern trotzdem mal überlegen was wichtiger ist.

Jeden, der sich lieber gegen den nerdigen „Seifenblasen-Look“ entscheidet, frage ich gern nochmal wenn der Tinnitus erst mal da ist.

Einmal richtig kaputt, lässt sich das nicht mehr reparieren.

Aber auch in diesen Fällen gelten all die guten Dinge die ihn eigentlich hätten verhindern können.

Beide:

  • Regelmäßige Pausen für die Ohren (im Ernst, die brauchen das dringend, auch wenn man es nicht merkt!) – vor allem bei Belastung über mehrere Stunden
  • Möglichst nicht mehrere Tage/Nächte hintereinander Party machen, da hilft dann auch die Pause irgendwann nicht mehr
  • Regeneration fördern durch Sport, Ernährung, Stress vermeiden, Vitamine etc.
  • Entspannungs-Techniken nutzen
  • In-Ear-Gehörschutz (auch wenns nicht fancy aussieht), der die Gesamt-Lautstärke verringert die von außen kommt aber nicht die Frequenzen selbst (sonst hört man irgendwann nur noch „Sound-Brei“…)

Um es nicht schlimmer zu machen. Um ihn wenigstens so leise zu haben dass man ihn nicht hört sobald man sich unterhält oder unterwegs ist.

Einige Maßnahmen für den Worst-Case gibt es:

got-tinnitus-treatments

tinnituszentrum-eppendorf.de/therapien

 

Ich höre ihn sogar wenn ich zur Rush-Hour an einer sehr großen Kreuzung in Hamburg stehe. Tut euch das nicht an. Ich geh jetzt erst mal Klopfen beim Nachbarn, der hat schon wieder aufgedreht…

 

Wenn ihr bis hierher gelesen habt, euch das Thema interessiert oder sogar direkt betrifft, bitte teilt eure Erfahrungen, euer Wissen, eure Sorgen mit so vielen wie möglich! Ihr werdet überrascht sein wie viele Menschen hier mitreden können.

Teilt es auch mit mir, indem ihr diesen Post kommentiert. Ich brenne darauf eure Stories und Meinungen zu diesem Thema zu lesen!

 

Protect Your Hearing!

Greetz

DJ Looneytunes

 

 

Weitere, nicht nur für DJs interessante Links zu diesem Thema:

tinnitus-a-real-problem-for-every-dj

djs-and-performers-do-you-know-your-noise

what-you-need-to-know-about-protect-your-hearing

three-ways-to-save-your-hearing-while-djing

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.